Da hier schon mal das Thema HD behandelt wird, habe ich auch mal eine kleine Frage.
Weshalb züchtet ein Züchter mit einer Zuchthündin, die HD-B hat?
Stehen hier nur die finanziellen Interessen im Vordergrund?
Ich weiß, eine HD-freie Zuchthündin gibt keine Garantie auf HD-freie Welpen.
Aber bei Welpenpreise von über 1000 Euro, zumindest beim Tervueren, sollte der Züchter wohl schon Wert auf eine HD-freie Zuchthündin legen, so jedenfalls meine Meinung.
Wir sind hier in einem Forum für Deutsche Schäferhunde. Da hilft es wenig wenn Du Welpenpreise ansetzt, die bei anderen Rassen gelten. Schäferhundwelpen aus erstklassiger Aufzucht und mit erstklassigen Elterntieren erhälst Du bereits ab 600 Euro aufwärts, und bei vielen Züchtern erhälst Du für diesen Preis noch eine Garantie auf die Entwicklung von Hüfte und Ellenbogen. Bei mir zahlst Du 750 Euro für einen Welpen, und wenn ich alle Kosten abziehe, von der Vorbereitung des Deckaktes bis zum Bezahlen der Ahnentafeln beim Zuchtverband, bleiben mir bei einem normal grossen Wurf pro Welpe ca. 50 Euro. Die aber nur wenn alle Hunde des Wurfes später einen zuchtfähigen HD- bzw. ED-Befund haben. Rechne ich meine direkten Kosten für die Zucht auf alle Deckakte hoch, dann lege ich Geld drauf, denn nicht immer nimmt eine Hündin auf. Oder im letzten Jahr, da bin ich 2000 km für den Deckakt gefahren, und dann hatte ich nur einen einzigen Welpen.
Wobei die Kosten für die Aufzucht, Ausbildung, Prüfungen, Gesundheitschecks (neben Röntgen von Hüfte, Ellenbogen, Schultern und Wirbelsäule, Herzuntersuchung, ggf. MRT auch Gentests) da nicht mit einbezogen sind.
"Finanzielles Interesse" steht bei der Zucht von Schäferhunden, zumindest im Leistungsbereich, bei 99% der Züchter garantiert nicht im Vordergrund. Hätte ich ein finanzielles Interesse, dann würde ich in der Zeit, die mich die Aufzucht eines Wurfes kostet, irgendwo putzen gehen. Dann sähe die Bilanz auf meinem Sparbuch weitaus besser aus. Oder ich würde eine nette kleine bis mittelgrosse Moderasse züchten, für die die Welpenkäufer für einen Welpen ohne Ahnentafel genau so viel oder sogar mehr Geld zahlen als für einen Schäferhundwelpen. Bei der ich meine Zuchthündin dann nicht aufwendig ausbilden und auf Prüfungen präsentieren muss, und die ich auch nicht aufwendig für viel Geld tierärztlich durchchecken lassen muss.
Zur Zuchtverwendung von Hunden mit einer sog "B-Hüfte" (nach FCI-Klassifizierung): Ich bin mir sicher dass Du die Unterschiede zwischen einer A-Hüfte und einer B-Hüfte auf vielen Röntgenbildern selbst nicht erkennen wirst. Ich lasse schon sehr lange direkt bei dem HD-Gutachter meines Zuchtverbandes röntgen (bzw. er kommt nach dem Röntgen zur Beurteilung der Bilder hinzu). Selbst ihm passiert es manchmal dass er sich die Bilder einige Minuten lang anschaut und mir einen Befund mitteilt, um mich dann ein oder zwei Tage später anzurufen um mir zu sagen dass er nach genauer Auswertung der Bilder aus diesem oder jenem Grund dann doch einen anderen Befund erteilt hat. Zweimal rutschte der betreffende Hund dadurch vom B ins A, einmal vom B ins C. Wobei er mir zum Vergleich zu der C-Hüfte des letztgenannten Hundes die Bilder eines Hundes gezeigt hat, der mit A ausgewertet wurde. Die gestreckte Aufnahme war besser als bei meinem Hund. Aber in der gebeugten Aufnahme war die Hüfte meines Hundes sehr gut, die des anderen, mit "normal" ausgewerteten Hundes, hingegen sah selbst für mich als diesbezüglichen Laien nicht rosig aus. Aber für die Zuchtverbände zählt, bis auf wenige Ausnahmen, nur die gestreckte Aufnahme. (Trotzdem ist der Hund mit der C-Hüfte nicht in die Zucht gegangen, sondern arbeitet heute als Diensthund bei der Polizei.)
Inzwischen weiss man wissenschaftlich schon etwas mehr über HD und ihre Genetik. Der "genetische HD-Zuchtwert" hat sich leider, mit Ausnahme beim Berner Sennenhund, noch nicht innerhalb der Zuchtverbände etabliert. Es handelt sich dabei um ein etwas langwierigeres und aufwendigeres Auswertungsverfahren. In den HD-Studien bezüglich des genetischen Zuchtwertes hat sich bisher ergeben dass Hunde mit einer C-Hüfte (die in vielen Verbänden noch als zuchtfähig gilt) signifikant mehr Gene im Erbgut tragen, die mit der Entstehung einer HD in Verbindung gebracht werden, als Hunde mit einer A- oder B-Hüfte.
Der Deutsche Schäferhund ist immer noch ein Arbeitshund. Bei Verpaarungen spielen deswegen ganz viele Aspekte eine Rolle. Wenn Du alle Hunde, die schlechter als HD "normal" eingestuft werden, aus der Zucht wirfst, was denkst Du wie breit Deine Zuchtbasis dann noch bleibt? Du musst ja auch noch alle Hunde mit einem ED-Befund schlechter als "normal" aus der Zucht werfen. Dann alle Hunde mit einem anderen Befund als "Übergangswirbel Grad 0". Sämtliche anderweitigen Veränderungen an der Wirbelsäule gehören dann auch aus der Zucht geworfen. Selbstverständlich auch Hunde mit irgendwelchen Veränderungen im Schulterbereich. Und dann erst gehst Du los und selektierst auf die Arbeitsleistungen hin. Z.B. hast Du eine Hündin, die sehr nevenstark ist, aber (dadurch bedingt) Schwierigkeiten hat im Bereich der Triebwechsel. Sie ist grossrahmig und etwas lang im Rücken. Du brauchst also einen kleinen bis mittelgrossen Rüden, der kurz im Rücken ist, leicht zwischen den Triebbereichen wechseln kann, der trotzdem nervenstark ist, eine Veranlagung zu ruhigen Griffen besitzt und eine konstante solide Arbeitsleistung bietet. Den dann noch aus einem komplett durchgeröngten Wurf zu finden (mit entsprechend guten Ergbenissen natürlich), aus Eltern- und Großelterntieren mit HD/ED-normal und entsprechend überzzeugenden Arbeitsveranlagungen, der dann natürlich auch nicht sehr nah mit Deiner Hündin verwandt sein darf, wird für Dich so gut wie unmöglich werden. Ich jedenfalls fange zu Beginn der Wurfplanung mit ca. 150 Deckrüden an, um dann ein oder anderthalb Jahre später bei den letzten zwei oder dreien immer noch irgendwelche Kompromisse eingehen zu müssen.
Natürlich sollte man immer auf die Gesundheit achten. Aber wissenschaftlich ist es bisher nicht belegt dass ein Hund mit B-Hüfte in Bezug auf HD schlechter vererbt als ein Hund mit A-Hüfte. Von daher sollte man nicht durch überzogene Zuchtmaßnahmen die Genbasis unnötig verkleinern. Genau das predigen die Wissenschaftler, die an solchen Themen arbeiten, auf ihren Vorträgen immer wieder. In Verbindung mit dem gesunden Menschenverstand kann man Hunde mit B-Hüfte durchaus sehr sinnvoll in der Zucht einsetzen. Und würden sie der Zucht alle fehlen, dann hätten wir in Bezug auf die genetische Varianz in der Population noch grössere Probleme als wir jetzt eh schon haben. Und was nützt es wenn nur noch Hunde mit A-Hüften geboren werden (selbst 'ne C-Hüfte bedeutet für einen Hund in Schäferhundgröße keine Einschränkung in seiner Lebensqualität), die dann Probleme mit ihrem Immunsystem haben...